NICHTS IM MAGEN

Bohus Z. Rawik über Theater, Zeit und Züge




Die Kunstkanzlei
: Herr Rawik, sind Sie ein ordentlicher Mensch?

Bohus Z. Rawik: Das hängt von Ihrer nächsten Frage ab.

KK: Ich verstehe.

Rawik: Das bezweifle ich.

KK: Sind Sie ein verzweifelter Mensch?

Rawik: Nein, ich bin ein weißer Schimmel.

KK: Sie geben wohl gerne den Humoristen.

Rawik: Ja, denen gebe ich es besonders gerne.

KK: Welchen Dramatiker schätzen Sie besonders?

Rawik: Der Antworten verweigert.

KK: Warum? Mögen Sie keine Antworten?

Rawik: Darauf kann ich nicht antworten.

KK: Sind Sie Dialektiker?

Rawik: Nein. Ich esse den Pudding lieber.

KK: Was hat das mit Dialektik zu tun?

Rawik: Mit Dialektik kann man einen Pudding an die Wand nageln.

KK: Das muss man aber erst mal können.

Rawik: Ja. Aber ich mag keinen Fettflecken an der Wand und nichts im Magen.

KK: Mögen Sie Brecht?

Rawik: Kann man das?

KK: Als Regisseur werden Sie Brechts Bedeutung für das Theater doch nicht leugnen können.

Rawik: Mir ist jegliches Leugnen fremd. Ich weiß nur, dass es Mitte der 60er Jahre in Ost-Berlin mehr Brecht-Schüler als Oberkellner gab.

KK: Was wollen Sie damit sagen?

Rawik: Dass es Mitte der 60er Jahre in Ost-Berlin mehr Brecht-Schüler als Oberkellner gab.

KK: Selbst wenn … Das hat doch mit Brecht nichts zu tun!

Rawik: Irgendwann waren dann alle Oberkellner Brecht-Schüler.

KK: Wo?

Rawik: Eine gute Frage!

KK: Danke. Sie sind seit etwa 40 Jahren Theaterregisseur. Mögen Sie das heutige Theater?

Rawik: Gibt es das?

KK: Also nein.

Rawik: Wenn Sie mich so fragen, dann muss ich Ihnen sagen, dass ich nur heutiges Theater kenne. Ich war gestern im Theater und habe auf das Theater von morgen gewartet. Nichts passierte. Dann bin ich zum Bahnhof gegangen. Dort gab es Theater heute und Theater der Zeit. Aber wenigstens war der Zug schon weg.

KK: Wenigstens?

Rawik: Ein Zug, der bereits abgefahren ist, ist doch etwas Wunderbares.

KK: Warum?

Rawik: Weil er dafür gesorgt hat, dass der nächste Zug nicht auf ihn draufknallt.

KK: Ich glaube, so kommen wir nicht weiter.

Rawik: Ich hoffe es.